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Schwere und Leichtigkeit

Das Architekturbüro Taller, geleitet von Mauricio Rocha und Gabriela Carrillo, wurde 2014 von der öffentlichen Hand mit der herausfordernden Aufgabe betraut, den ersten öffentlichen Raum für die Quartiergemeinschaft von Carolina in der mexikanischen Stadt Cuernavaca zu entwerfen. Es sollte eine Infrastruktur zur Förderung der Gemeinschaft werden. Eine Infrastruktur, in dem kulturelle und sportliche Quartieranlässe sowie verschiedene Workshops für Jung und Alt stattfinden. Die Vorstellung einer offenen, einladenden Architektur liegt nahe. Das 2018 fertiggestellte Gemeinschaftszentrum wirkt hingegen von aussen mit seinen massiven Mauern wie schützende Klosterarchitektur. Die Architekten hatten triftige Gründe, das Gebäude geschlossen zu gestalten: Der Bau liegt im Bundesstaat Morelos, der in den letzten Jahren von einer Welle der Gewalt überrollt wurde. Die Nachbarschaft des Quartierzentrums ist als sozialer Brennpunkt bekannt. Die Architekten von Taller, die in Mexiko für ihre sozial motivierte Architektur bekannt sind, entschieden sich also für ein Haus, das angesichts des Kontextes Schutz bietet. Sie nahmen in Kauf, dass es sich der unmittelbaren Nachbarschaft wenig öffnet und die gemeinschaftliche Nutzung von aussen kaum lesbar ist.


Getauft wurde das Anfang 2018 fertiggestellte Gemeinschaftszentrum auf «Los Chocolates». Symbolhaft wird hier eine schokoladenbraune Fassadenfarbe verwendet, die an die ehemalige Nutzung erinnert, ein Busdepot für die «Los Chocolates»-Busse, die im Volksmund wegen ihrer Farbe so hiessen. Das Zentrum umfasst eine Strassenecke mit einem Eingangstor in der Mitte. Links davon ist das gegen Süden gerichtete und geschlossene Volumen zu sehen; rechts davon ragen in regelmässigen Abständen drei kleinere Baukörper über ein eingeschossiges durchgehendes Volumen. Die trichterförmige Betonung der Baukörper führt die Besucher in den Eingangsbereich.

Die schwebenden Atelierbrücken

Im Inneren des Zentrums wird der Besucher überrascht von einer ungewöhnlichen Kombination aus Schwere und Leichtigkeit sowie einer unerwarteten Offenheit. In einer rauen Atmosphäre schweben die drei aussen als auskragend auszumachenden Volumen nun als Brücken über einem vierseitig eingefassten Aussenplatz. Der Raum ist erfüllt von Licht- und Schattenspielen und einer angenehmen Brise, die durch die verschiedenen Baukörper dringt. Wie bereits in ihren früheren Projekten verwendeten die Architekten von Taller traditionelle Baumaterialien und übersetzten sie auf zeitgemässe Art und Weise. Für die Fassadenverkleidung nutzten sie den regionalen Tepetate-Stein, der ähnlich porös ist wie ein Tuffstein und seit Jahrhunderten in Mexiko verwendet wird. Neben der passenden Schokoladenfarbe verleiht der grosszügig eingesetzte Stein eine Wertigkeit, aber auch eine raue Beschaffenheit, die gut mit dem industriellen Effekt der Brückenkonstruktionen, dem Sichtbeton und der grossen, nach Norden gerichteten Stahlfenster zusammenspielt.


Das von Brücken überspannte Forum ist das Herzstück der Anlage. Der mittlere Bereich des Platzes ist abgesenkt und von einem Steg für die Zuschauer umgeben. Der beliebte Ort dient aufgrund des milden Klimas ganzjährig den unterschiedlichsten Interaktionen: als Skatepark für Jugendliche, als Bandproberaum, als Tanzbühne, als Fussballfeld und so weiter. Gleich daneben wird in der Bibliothek mit Aussicht auf den kleinen Garten konzentriert gelesen und direkt darüber wird in den «belebten Brücken» gewerkelt oder gemalt. Die verschiedenen Werkstattvolumen im Obergeschoss sind nach Süden hin vollständig verschlossen und erhalten nach Norden eine grosse Fensterfront. Ihre jeweiligen Vorräume sind durch Passantenbrücken verbunden, die sich im Freien befinden und kleine Sitzbereiche bieten.

Trotz der sehr geschlossenen Aussengestaltung suchen die Architekten in den Zwischenräumen der Werkstätten den Bezug zum Quartier. Visuell, akustisch und olfaktorisch taucht der Besucher beim Überqueren der Verbindungswege abwechselnd in den Quartier- oder Werkstattraum. Von hier oben aus können auch die Geschehnisse im lebhaften Forum beobachtet werden. In Zeiten der Covid-Krise ist das Zentrum leider still. Seit März 2020 ist es nun geschlossen. Die steigende Zahl der häuslichen Gewalt in der Region lassen hoffen, dass die schützenden Mauern des Gemeindezentrums bald wieder ihren Zweck erfüllen werden. ---

Dieser Text wurde auf werk, bauen + wohnen veröffentlicht.

© LEARNING FROM MEXICO 2019 by Laure Nashed

 Die Beiträge von «learningfrommexico» entstehen in Zusammenarbeit mit der Schweizer Architekturzeitschrift werk, bauen + wohnen.

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