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Roher Charme

Das Haus Nakasone der mexikanischen Architekten Escobedo Soliz überrascht mit Barragán-Momenten. Die Bauwerke von Luis Barragán strahlen einen unvergleichlichen räumlichen Zauber aus. Er akzentuierte Farben, arbeitete mit rohen Baustoffen, spielte mit Leichtigkeit und Schwere und fing das Licht in unterschiedlichster Weise ein. Die zwei jungen Architekten entwarfen ein Haus, das ähnlich subtil, authentisch und konsequent für den Ort und seine Bewohnerin gestaltet ist. Der Kontext ist allerdings ein ganz anderer als bei den bekannten Wohnhäusern von Barragán.


Luis Barragán entwarf – wie auch die meisten mexikanischen Architekten heute – für die Reichen. Frau Nakasone, eine pensionierte Lehrerin, gehört jedoch nicht zu dieser Klasse. Ihr Grundstück befindet sich am südlichen Stadtrand von Mexiko-Stadt in einer sogenannten informellen Siedlung. Insgesamt leben etwa 70 Prozent der Hauptstadtbevölkerung in irregulär entstandenen Selbstbaugebieten. Aufgrund der tiefen Einkommen bauen sie informell, also jenseits offizieller Planung und Normen und natürlich ohne Architekt.

Pavel Escobedo und Andres Soliz, beide Anfang dreissig, beschlossen, das Experiment zu wagen und ein Haus mit sehr begrenztem Budget in diesem Kontext zu konzipieren. Anstatt ein im Detail durchgeplantes Projekt zu zeichnen, nutzten sie die architektonische Freiheit der informellen Siedlung – eine Baubewilligung interessiert hier herzlich wenig – und die sehr preiswerte Arbeit der Handwerker, um vieles direkt vor Ort zu entscheiden.


Anpassungsfähigkeit war auch im Bauprozess gefragt. Ursprünglich waren zwei Einfamilienhäuser als gespiegelte Hofhäuser in C-Form geplant. Während der Bauarbeiten entschied sich die zweite Partei, ihr Haus nicht zu bauen. So profitiert nun das kleine, zweigeschossige Haus an der Rückseite des langgestreckten Geländes von einem grosszügigen Vorgarten. Im Innern dreht sich alles um den Innenhof, der aufgrund des milden Klimas auch als Erweiterung des Wohnraums genutzt wird. Darüber hinaus schützt die introvertierte Gestaltung des Gebäudes vor den Augen der nahe angesiedelten Nachbarschaft. Das ausgehöhlte Volumen des Innenhofes teilt den Kubus in ein schmales Rückgrat und zwei Arme. Im schmalen Bereich befinden sich auf beiden Stockwerken die Erschliessungsfläche und die Nebenräume. Die Arme bilden die Haupträume: im Erdgeschoss das Wohn- und Esszimmer, im Obergeschoss die beiden Schlafzimmer.


Escobedo Soliz verwendete ortstypische, preiswerte Baustoffe und beliessen sie sichtbar in ihrem natürlichen Zustand: Ein gliederndes Betonskelett ist mit geschliffenen Ziegelsteinen mit breiter Mörtelfuge ausgefacht. Kiefernholz, ockerfarbene feine Fensterprofile und vor Ort gefundener Vulkanstein ergänzen die natürliche Ästhetik. Innen und Aussen sind konsequent identisch: ein Vorteil des regionalen Bauens ohne Dämmung. Leuchtend blaue Bäder schaffen spannende Kontraste zu den warmen Farben. Das Licht fliesst teils direkt, teils indirekt in die Innenräume und bringt die Oberflächen zum Leuchten.

Ein zauberhafter Moment wird im Vorraum des Obergeschosses erzeugt, wo das durch ein Oblicht einfallendes Licht, der rohe Charme der Materialien und das kontrastierende Blau des Badezimmers zusammenkommen. Der Reichtum der Einfachheit fasziniert und schafft im Chaos von Mexiko-Stadt einen sicheren Rückzugsort.


«Mein Haus ist meine Zuflucht, ein emotionales Stück Architektur, kein kaltes Stück Bequemlichkeit.» waren Luis Barragáns Worte. Dass man diese Qualitäten mit einem minimalen Budget erreichen kann, belegen die Architekten Escobedo Soliz hier gekonnt.


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Dieser Text wurde auf werk, bauen + wohnen veröffentlicht.

© LEARNING FROM MEXICO 2019 by Laure Nashed

 Die Beiträge von «learningfrommexico» entstehen in Zusammenarbeit mit der Schweizer Architekturzeitschrift werk, bauen + wohnen.

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