© LEARNING FROM MEXICO 2019 by Laure Nashed

 Die Beiträge von «learningfrommexico» entstehen in Zusammenarbeit mit der Schweizer Architekturzeitschrift werk, bauen + wohnen.

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Planungsstopp durch neuen Präsidenten



In der Schweiz bekommt man nur am Rande mit, wenn ein neuer Bundesrat oder Bundesrätin gewählt wird. Man weiss, dass der neu ernannte Bundesrat keine riesigen Veränderungen bringen wird und auch die Aufträge in der Architektur und im Kulturbereich kaum beeinflussen wird. Dafür wird insbesondere über grössere Architekturprojekte regelmässig abgestimmt. Die Bevölkerung entscheidet, ob ein Projekt ausgeführt wird oder eben nicht. Der Architekt ist sich von vornherein bewusst, dass über das Projekt abgestimmt wird und dass das Risiko besteht, dass es nicht ausgeführt wird. Das einzigartige Regierungssystem der Schweiz bietet einen ganz wichtigen Vorteil: man kann nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen.


Hier in Mexiko läuft es anders. Mexiko hat seit Dezember 2018 einen neuen Präsidenten: Andrés Manuel López Obrador, auch mit AMLO abgekürzt, gehört der linken Morena Partei an. Als ich im März in Mexiko angekommen bin, schien es mir, als hätten sich die Leute, mit denen ich mich unterhalten habe, noch keine Meinung gebildet. Nun höre ich zunehmend Kritik, besonders von Architekten- und Künstlerseite. Stipendien für Kunstschaffende wurden gekürzt und Architekturprojekte teils vorübergehend, teils endgültig gestoppt.

Das bekannteste und kontroverseste Projekt, dass Amlo gestoppt hat, war das riesige Flughafenprojekt von Norman Foster in Mexiko-Stadt, das bereits zu einem Drittel ausgeführt wurde. Der Grossteil der MitarbeiterInnen der «Comisión Nacional de Vivienda», des nationalen Departements für die Wohnbauförderung, wurden entlassen wie auch unzählige MitarbeiterInnen anderer Departemente. Die gesamte Arbeit der sechs Jahre Regierungszeit des letzten Präsidenten werden über den Haufen geworfen. Alles wird hinterfragt.

In einem Architekturbüro erzählte man mir, mehrere Projekte seien gestoppt worden, so dass das Team innerhalb weniger Monate von 24 auf 15 Mitarbeiter heruntergeschraubt werden musste. Die Begründung Amlo's für diese Veränderungen ist, dass die letzte Regierung korrupt war und nun aufgeräumt werden muss. Besonders der Abbruch des Flughafenprojekts zeigt auf, dass ein Präsident in Mexiko von heute auf morgen alles umkrempeln kann. Viele haben durch seine Aufräumtaten ihren Job verloren. Er besetzt die Stellen wiederum mit seinen Leuten und Freunden, was wiederum kontrovers ist. Die politische Situation beeinflusst den Alltag der Mexikaner deutlich mehr als wir es in der Schweiz gewohnt sind. Das Handeln von AMLO wird zurzeit oft als unvorhersehbar und auch als widersprüchlich eingeschätzt. Zugleich bewegt Amlo in einem gewaltgeprägten Land mit viel Korruption zurzeit vieles.


Ebenfalls unterbesetzt ist zurzeit das Auswärtige Amt in Mexiko. Dies aus der gleichen Problematik heraus, dass Amlo das Personal grösstenteils entlassen hat. Das hat zur Folge, dass Visaanträge extrem verzögert bearbeitet werden. Das wiederum betrifft mich direkt. Vor fast zwei Monaten hätte ich mein Visum erhalten sollen. Bis heute weiss niemand, wann ich meine Arbeitsbewilligung und damit auch mein Aufenthaltsvisum erhalte. Ohne Arbeitsbewilligung darf ich meine Stelle als Architektin bei Tatiana Bilbao nicht antreten. Ich übe mich zurzeit in Geduld.

Um die politische Situation eines Landes (einigermassen) verstehen zu können, muss man das Land weitaus mehr kennen, als ich es tue. Auch ist die Sicht aus dem Ausland meist eine andere als im Landesinnern. Daher hier mein Eindruck sowie Links zu verschiedenen Medienquellen (Stand: 21.05.2019).


Etwas gewöhnungsbedürftig finden viele, dass Obrador jeden Tag eine 1.5-stündige Ansprache hält. Ziel ist es, den Mexikanern Informationen ohne Interpretation der Medien direkt zuzuspielen. Die Ansprachen sind auch auf Spotify zu finden: https://open.spotify.com/show/52jMEv2EngPm0tFlsmMAnp?si=YWdrqp4XSKGtj3uJp4FWUw


Wichtig ist auch zu verstehen, dass der Beruf des Journalisten neben dem des Politikers in Mexiko eines der gefährlichsten Berufe ist. Reporters without borders schreibt über Mexiko's Situation: "[...] Mexico is one of world’s deadliest countries for the media." Viele Journalisten flüchten ins Ausland, um über ihr Land zu berichten. Umso wichtiger, so wurde mir gesagt, ist es essentiell, mit den Leuten zu sprechen, um ein Bild der politischen Situation zu erhalten oder ausländische Berichte zu lesen.


NZZ Beitrag zur Wahl (02.07.2018):

https://www.nzz.ch/international/wahlen-in-mexiko-die-linke-triumphiert-ld.1400231


Tagesschau-Audio-Beitrag kurz vor Amtsantritt (30.11.2018): https://www.tagesschau.de/multimedia/audio/audio-63825.html


Tagesschau-Video-Beitrag zum Amtsantritt (02.12.2018): https://www.tagesschau.de/ausland/mexiko-praesident-vereidigt-101.html


Frankfurter-Rundschau-Beitrag kurz nach Amtsantritt (09.12.2018):

https://www.fr.de/politik/bruch-politischen-system-10947683.html


Zusammenfassungen aus verschiedenen Sichtweisen nach den ersten 100 Tagen im Amt:

- https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.bilanz-nach-100-tagen-der-neue-praesident-ruettelt-mexiko-ordentlich-durch.7398ef3f-6166-471c-a698-81a9abe48603.html

- https://www.peoplesworld.org/article/transforming-mexico-amlos-first-100-days/

- https://www.bbc.com/news/world-latin-america-47946959

- https://www.nzz.ch/international/mexiko-praesident-andres-manuel-lopez-obrador-bleibt-populaer-ld.1469149


Amlo stellte im März eine ungewöhnliche Forderung auf. Er bat Spanien um eine Entschuldigung für die Eroberung Mexikos vor rund 500 Jahren (man beachte auch das Twitter-Video von Amlo, das in meinen Augen etwas unprofessionell wirkt):

https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-03/kolonialzeit-mexiko-spanien-vatikan-entschuldigung

https://www.sueddeutsche.de/politik/mexiko-kinder-der-schaendung-1.4389058


#Politik #Amlo #ZukunftMexiko