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Extended to Latin America: Die Internationale Architekturbiennale in São Paulo

Das kompetitive Ausschreibungsverfahren «Open Call» ist in aller Munde. Die offenen Ausschreibungen verbreiten sich schnell in den sozialen Medien und scheinen den Nerv der Zeit zu treffen.


Gleich zwei «Open Calls» wurden für die diesjährige Architektur-Biennale in São Paulo organisiert. Im September 2018 verkündete das brasilianische Institut der Architekten IABsp das Gewinnerteam des «Open Calls for Curation» für die 12. internationale Architektur-Biennale in São Paulo. Die drei ernannten Kuratoren heissen Vanessa Grossman, Charlotte Malterre-Barthes und Ciro Miguel. Das Kuratoren-Trio aus Brasilien und Frankreich ist zurzeit an der ETH in Zürich tätig. Zum ersten Mal in der 75-jährigen Geschichte wird die brasilianische Architekturbiennale von zwei Frauen kuratiert. Die Durchmischung der Geschlechter ist ebenfalls ein Phänomen, das bei den Resultaten des gewählten Wettbewerbsverfahrens auffällt und damit eine hochaktuelle Thematik anspricht. Den zweiten «Open Call» für die Teilnahme an der Biennale lancierten Charlotte, Ciro und Vanessa selbst. Die Anzahl der Projektvorschläge hat jede Erwartung bei weitem übertroffen. Gesamthaft 695 Beiträge aus 40 Ländern, 19 Bundesstaaten in Brasilien, 52 brasilianischen Städten und 101 Städten weltweit wurden eingereicht. Die Resultate der Gewinner werden im Verlaufe dieser Woche kommuniziert.


Die Kuratoren der IAB Sao Paulo: Ciro Miguel, Vanessa Grossman und Charlotte Malterre-Barthes

Die 12. Architektur-Biennale steht unter dem Motto des Alltags, «Everyday – Todo dias». Das Poster der Kuratoren springt ins Auge. Gezeigt wird eine Dame im bunten Badeanzug vor einem gut besuchten Schwimmbad mit Sicht auf die Stadt. Diese alltägliche Situation impliziert die Bevölkerung vor Ort, die Architektur der Dachterrasse mit Schwimmbad und den Blick auf die gesamte Stadt. Drei Kernelemente, die das kuratorische Konzept ausmachen. Gegliedert wird das offen formulierte Thema in drei Kapitel: «Everyday Stories», «Everyday Resources» und «Everyday Maintenance». Übersetzt heisst dies Alltagsgeschichten, alltägliche Ressourcen und alltägliche Wartung. Die TeilnehmerInnen des «Open Calls» nahmen sich eines dieser Kategorien zum Thema.



Unter Alltagsgeschichten erhoffen sich die Kuratoren neben der Darstellung von alltäglichen Situationen, wie eine Architektur oder eine Stadt bespielt werden, auch das Aufgreifen von politischen Themen im Zusammenhang mit Architektur und Städtebau, wie beispielsweise Geschichten zur Geschlechterpolitik, Rassengewalt oder weiteren nationalen oder internationalen Problemen. Die Kategorie der alltäglichen Ressourcen behandelt Fragen zur Herkunft der Baustoffe mit Schwerpunkt des Umweltschutzes bis hin zu gesamten Infrastruktursystemen, die beispielsweise benötigt werden, um Nahrungsmittel von anderen Kontinenten zu unseren Supermärkten zu transportieren. Die alltägliche Wartung bezeichnet das Kuratoren-Trio als essentielles Thema, das von Architekten aus ihrer Sicht nicht genügend berücksichtigt wurde und wird. Sie weisen auf die nationale und internationale Aktualität dieses Sujets hin mit Beispielen wie dem Kollaps der Morandi-Brücke in Genua, dem Hochhausbrand im Londoner Grenfell Tower und dem Brand des 200 Jahre alten nationalen Museums in Rio de Janeiro. Das Instagram der Architektur-Biennale von São Paulo zeigt beispielhaft unter dem jeweiligen Hashtag Bilder zu den drei Kapiteln.


Die gegenwärtige Bedeutsamkeit des alltäglichen war ausschlaggebend für die Wahl des Mottos. Die drei Kuratoren beobachten einen Trend zur Rückkehr zu grundlegenden und einfachen Dingen in der Architektur nachdem Jahrzehnte lang danach gestrebt wurde, gesamte Umgebungen zu entwerfen. Sie beschreiben dies als Reaktion auf die gegenwärtige politische und wirtschaftliche Unsicherheit sowie auf die rasante technologischen Entwicklungen, die den Beruf des Architekten und des Städteplaners vor elementare Herausforderungen stellt. Den Alltag sehen Vanessa, Ciro und Charlotte als immanenten Vermittler in der fortlaufenden Produktion von Architektur und Stadt. Die Kuratoren nehmen die Aufgabe ernst, die Architekturausstellung der Biennale als öffentliches Kommunikationsmittel zu nutzen, um relevante und dringliche Probleme zu thematisieren und als Sprachrohr Lateinamerikas zu dienen. Grosse Aufmerksamkeit wird ebenfalls auf die Zugänglichkeit für Nicht-Architekten gelegt. Durch das breite Spektrum, welches das Motto ermöglicht, können die unterschiedlichsten Massstäbe und eine international umfassende Perspektive dargestellt werden, so dass für jeden Besucher etwas dabei ist.


Nachdem die Architekturbiennale von São Paulo jahrelang aufgrund von Streitigkeiten zwischen Institutionen in der Krise steckte, ist die diesjährige Biennale ein wichtiger Meilenstein in dessen Geschichte. Das Kuratoren-Trio hat aus den Fehlern ihrer Vorgänger gelernt. Angesichts der geringen finanziellen Ressourcen haben sie sich auf zwei Veranstaltungsorte in São Paulo beschränkt. Im Sesc-Gebäude vom Architekten Paulo Mendes da Rocha werden ortsspezifische, direkt beauftragte Projekte gezeigt. Das Gebäude des Serviçio Social de Comércio, einer sozialen Einrichtung, beherbergt Räumlichkeiten für die unterschiedlichsten Freizeitangebote und ist ohne Eintritt frei zugänglich. Die Kuratoren beschreiben das Gebäude als Ort, in dem wirklich gelebt wird, einen «sozialen Kondensator» und damit dem Sinnbild des Alltäglichen. Das anfänglich beschriebene Foto auf dem Poster der Architekturbiennale entstand am Schwimmbad des Sesc-Gebäudes. Der zweite Ausstellungsort ist eine Ikone der Moderne der Architekten Eurico Prado Lopes und Luiz Telles. Das «Centro Cultural» ist ebenfalls offen für alle. Neben einer öffentlichen Bibliothek sind hier riesige offene Räume, die für die unterschiedlichsten Veranstaltungen und Ausstellungen geeignet sind, untergebracht. Die Projekte, die durch den «Open Call» hervorgegangen sind, werden hier ausgestellt. Daneben werden im «Centro Cultural» auch Workshops und Debatten geführt.



Die 12. internationale Architekturbiennale von São Paulo findet vom ... September bis ... Dezember statt. Zu erwarten sind neben Beiträgen von Ila Bêka und Louise Lemoine, Bruther und Pedro y Juana eine Menge weiterer experimenteller und innovativer Ideen. Geplant sind Interaktionen mit Berufsgruppen, die auf verschiedenste Weisen mit Architekturen in ihrem Alltag konfrontiert sind. Eine genaue Aufstellung der Ausstellung, Workshops und Debatten wird Mitte Juli auf der Homepage der Architekturbiennale zu finden sein. Die lange Anreise nach São Paulo wird sich zweifelsfrei lohnen.

Die Original-Audioaufnahme des Gesprächs in englischer Sprache mit Vanessa Grossman, Charlotte Malterre-Barthes und Ciro Miguel könnt ihr hier anhören. Ich möchte mich im Voraus für die schlechte Audioqualität und meiner unüberhörbaren Nervosität entschuldigen. Dieses Gespräch wurde etwas kurzfristig ein Tag vor meiner Abreise nach Mexiko im Gebäude ONA der ETH Zürich aufgenommen und ist mein erstes selbst geführtes Interview. Zeit für ein Übungsgespräch hatte ich vor meiner Abreise leider nicht. Ich hoffe, das Gespräch kann trotz ein paar Stolpersteine das Interesse für die Internationale Architekturbiennale in São Paulo wecken.


Das Gespräch ist in drei Teile mit folgenden Themen gegliedert:

1. Historische Hintergrundinformation, Open Call for Curation, Budget, Verbindung zur Schweiz, Gender politics, Das Hinterfragen der Internationalität für die Biennale

2. Everyday in Brasilien, «Urban ordinary» in Sao Paulo, Beschreibung des Biennale Mottos «Everyday» mit Beispielen zu den einzelnen Kapiteln

3. Organisation der Architektur-Biennale in Sao Paulo, Veranstaltungsorte, Was zu erwarten ist





Verschiedene Links:

- Homepage der Biennale: http://bienaldearquitetura.org.br/

- Instagram der XII Bienal de Arquitectura: https://www.instagram.com/bienal_de_arquitetura/


Literatur und Forschung zum Thema des Alltags:

https://www.amazon.de/Walls-Have-Feelings-Architecture-Film/dp/0415235421

https://mitpress.mit.edu/books/maintenance-architecture

https://www.tudelft.nl/en/ceg/research/stories-of-science/self-healing-of-concrete-by-bacterial-mineral-precipitation/

http://www.saint-gobain-facade-glass.com/products/sgg-bioclean%C2%AE

https://placesjournal.org/article/maintenance-and-care/?cn-reloaded=1

https://cup.columbia.edu/book/the-ordinary/9781941332061

http://www.cooking-sections.com/The-Empire-Remains-Shop

https://www.dezeen.com/2013/01/04/phantom-mies-as-rendered-society-by-%EF%BF%BCandres-jaque/


Film:

alle Filme von Ila Bêka and Louise Lemoine


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© LEARNING FROM MEXICO 2019 by Laure Nashed

 Die Beiträge von «learningfrommexico» entstehen in Zusammenarbeit mit der Schweizer Architekturzeitschrift werk, bauen + wohnen.

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