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Die Fusionsarchitektur der Hazienda in San Gabriel Ixtla

An einem Wochenende im Juni luden mich meine wundervollen Freunde Adriana und Luca in das Wochenend-Haus der Familie Salas ein. Wie viele Mexiko-Städter der Mittelklasse besitzen auch ihre Eltern ein Wochenend-Haus in der Nähe von Mexiko-Stadt. Um der Grossstadt zu entkommen fahren Luca und seine Eltern seit über dreissig Jahren regelmässig die zweistündige Strecke nach Valle del Bravo.

Nachdem wir durch ein kleines Dorf fuhren, erreichten wir eine grosse rotbräunliche Umgebungsmauer mit einem Holztor. Was mich hinter diesen Mauern erwartete, hat meine Erwartungen bei weitem übertroffen. Eine überwältigende Pflanzenvielfalt und eine ganze Schar Hunde nimmt den Gast in Empfang. Das gesamte Grundstück breitet sich auf über mehr als sieben Hektaren ausund bietet eine grandiose Aussicht auf den See von Valle del Bravo. Der Ort ist geprägt vom Ensemble bestehend aus einem traditionellen Landgut ursprünglich aus dem 17. Jahrhundert, als «hacienda» bezeichnet, Häusern aus den 1990er Jahren, einem Pferdestall und dem modernen Anbau von TEN Arquitectos Estudio.


Bestehende Hazienda mit Agaven im Garten


Die Familie Salas hat im Sinne der ursprünglichen Nutzung der Hazienda der Produktion von Fasern der Maguey Agave eine Vielzahl von Agaven angepflanzt. Umgeben von Agaven und mit einem Innenhof, in dem eine grosse Kakteensammlung steht, wirkt die Hazienda richtig verwurzelt in Mexiko. Über Jahre hinweg renovierten die Eigentümer zusammen mit dem Architekten Guillermo de la Cajiga, der in Mexiko als Experte für traditionelle und natürliche Baumaterialien gilt, die zum Teil verfallene Hazienda und verhalfen ihr zu ihrem ursprünglichen Glanz. Im Garten verteilt befinden sich unterschiedliche Kunstwerke von Freunden der Familie. Ein Kunstwerk, das vor dem Gebäudeensemble platziert wurde, strahlt weiss hervor auf der grünen Wiese. Fast so wie das Gebäude, das gleich dahinter steht.


Anbau der Architekten Enrique Norten und Bernardo Gomez Pimienta

Enrique Norten und Bernardo Gomez Pimienta entwarfen in ihrem damals gemeinsam geführten Architekturbüro TEN Arquitectos Estudio für das Grafikerpaar Tullia und Ricardo Salas das Gästehaus, das 2001 fertiggestellt wurde. Im ersten Moment überzeugte mich der Anbau nicht. Nach zwei Tagen stellte ich hingegen fest, dass es wie eines dieser Musikstücke ist, die man beim ersten Anhören nur mässig gut findet. Nach einem vielfachen Anhören sich aber etwas in die Musik verliebt. Es war der Wunsch der Grafikdesigner, dass der Anbau zwar typologisch der Hazienda folgt, doch im Ausdruck eigenständig ist. Zur hinteren Wiese ist das Gästehaus vollständig verglast so dass der Gast im Innenraum die Natur beobachten kann. Zwei rotbräunliche Umgebungsmauern bilden einen halb geschlossenen Innenhof und schützen vor Einsicht. Die Leichtigkeit dieser Fassade schafft einen spannenden Kontrast zum verputzten Bestand mit dessen wenig Öffnungen. Als integratives Element zwischen Neu und Alt verwendeten die Architekten gewölbte Tonziegel für die Vordächer, die etwas befremdlich erscheinen können. Ein schmales Fensterband zur Eingangssituation hin lässt etwas Bauhaus-Moderne anmuten. In seiner Setzung schafft der Anbau eine neue Eingangssituation und bildet ein Gegenüber zur Giebelseite des einstigen Stallsder Hazienda. Auf zwei Geschossen erstellten TEN Arquitectos Estudio acht grosszügige Gästezimmer. Zuoberst können die Gäste von einer Dachterrasse profitieren. Erschlossen werden die oberen Zimmer durch einen Laubengang. Visuell bildet dieser eine Kontinuität zum Laubengang der alten Hazienda. Die warme Ausstrahlung des Holzbodens lässt den Gang ebenfalls mit den warmen Farben des Bestandes verschmelzen. Im Innenhof stehend ist das leuchtende Weiss die dominierende Farbe des Anbaus. Eine vorgestellte Wand mit einem langen horizontalen Einschnitt verdeckt die Innenhoffassade des Anbaus. Die weisse Wand wird zur Skulptur und zum Gegenspieler des Anbaus. Die zweidimensionale Wirkung der Wand mit dessen präzis gesetztem Einschnitt lässt erahnen, dass das Grafikerpaar ihre Hände mit im Spiel hatten bei der Gestaltung des Entwurfs.

Das Anwesen der Familie Salas in Valle del Bravo ist ein Traum und ein wunderbarer Ort um sich von der geräuschvollen Hauptstadt zu erholen. Wohl jeder Gast verlässt das Gästehaus von TEN Arquitectos Estudio zufrieden und erholt.

© LEARNING FROM MEXICO 2019 by Laure Nashed

 Die Beiträge von «learningfrommexico» entstehen in Zusammenarbeit mit der Schweizer Architekturzeitschrift werk, bauen + wohnen.

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