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Bericht aus Mexiko-Stadt in Corona-Zeiten

Aus Distanz verfolgten wir in Mexiko wie das Coronavirus sich zuerst in Asien und später in Europa verbreitete. Es war eine Frage der Zeit bis die Krise den amerikanischen Kontinent treffen würde. Diese Zeit hätte genutzt werden können, um aus den Fehlern anderer Länder zu lernen oder zumindest eine Strategie aufzustellen. Stattdessen erklärte der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador am 4. März, man solle sich weiterhin umarmen und dass dabei nichts passieren würde. Am gleichen Tag wurde in Italien die landesweite Schliessung der Schulen und Universitäten beschlossen.



Das Privileg der Sozialen Distanzierung

Dem Präsidenten war wohl klar, dass für einen Grossteil der Bevölkerung Homeoffice nicht möglich ist. Laut der Regierung lebt rund ein Viertel der mexikanischen Werktätigen vom informellen Sektor. Sie haben keine Arbeitsverträge, keine Arbeitslosenunterstützung und kein Krankentaggeld. Sie leben von den täglichen Einnahmen beispielsweise an Essensständen. Auch für die Leute die einen Arbeitsvertrag haben, reicht der Lohn in den meisten Fällen nicht aus, um zu sparen, geschweige denn eine gute Krankenversicherung abzuschliessen.


Völlig unzureichende Kapazität der Spitäler

Obwohl die Bevölkerung Mexikos mit einem Durchschnittsalter von 29 Jahren relativ jung ist, weist sie zugleich weltweit eine der höchsten Raten von Diabetes und Fettleibigkeit auf. Millionen Personen haben hier ein geschwächtes Immunsystem oder sonstige schwerwiegende Gesundheitsprobleme. Zugleich ist die medizinische Versorgung völlig unzureichend für den grössten Teil der Bevölkerung. Die international kritisierte, verzögerte und verantwortungslose Reaktion des Präsidenten wird diesem Land einiges kosten. Viele stehen vor dem Nichts. Einziger Hoffnungsträger ist der Gesundheitsminister Hugo Lopez-Gatell, der nun endlich vom Präsidenten ernst genommen wird.


Freiwilliges Homeoffice der Architekten

Die meisten Mexikanischen Architekten haben sich schon lange damit abgefunden, ihrer Regierung nicht zu vertrauen und weiterzudenken. Viele Architekturbüros in Mexiko-Stadt haben bereits vor drei Wochen auf Homeoffice umgestellt. Der «Gruppendruck» in der Architekturszene hat sicherlich dazu beigetragen, dass viele so handelten. Es erforderte auch zahlungstechnisch eine Umorganisation, denn in Mexiko ist es nicht unüblich, die Löhne zumindest teilweise bar auszuzahlen, um die überhöhten Steuerbeträge, die bekanntlich in der Korruption verschwinden, zu vermeiden. Heute ist hingegen jeder dankbar, der in irgendeiner Art und Weise Lohn erhält. Nachdem die mexikanische Regierung letzte Woche schliesslich den gesundheitlichen Notstand ausgerufen hatte, ordneten sie zugleich die Einstellung aller nicht lebensnotwendiger Aktivitäten an.


Baustopp mit fatalen Folgen

Dies betrifft in Mexiko-Stadt auch die Arbeit auf den Baustellen des privaten Sektors. Die private Bauwirtschaft machte letztes Jahr 60,6% des gesamten Bauwertes in Mexiko-Stadt aus. Ohne jegliche Erwerbsersatzentschädigung für Planer oder Bauarbeiter wurden die Baustellen eingestellt, was fatale Folgen für unzählige Menschen bedeutet. Viele private Bauherren entschieden sich letzte Woche ihre Projekte aufgrund der unsicheren Lage zu stoppen. Als Konsequenz sahen sich besonders die Architekten, die sehr lokal arbeiten, gezwungen, ihren Mitarbeitern den Gehalt zwischen 30 bis 50% zu reduzieren oder einen Teil ihres Teams von heute auf morgen zu entlassen. Es bleibt zu hoffen, dass die mexikanischen Architekten, Experten in kreativer Resilienz, Auswege finden werden.



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Dieser Text wurde auf werk, bauen + wohnen veröffentlicht.

© LEARNING FROM MEXICO 2019 by Laure Nashed

 Die Beiträge von «learningfrommexico» entstehen in Zusammenarbeit mit der Schweizer Architekturzeitschrift werk, bauen + wohnen.

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